2019 wurde der Wirtschaftsnobelpreis an drei Ökonom:innen verliehen, die anhand experimenteller entwicklungsökonomischer Ansätze zeigten, welche Arten von Entwicklungshilfen tatsächlich zur Verbesserung der Situation in den armen und ärmsten Ländern beitragen und welche nicht. Damit rückte die Bedeutung gezielter und effizienter Maßnahmen, nicht zuletzt zur Erreichung bestimmter UN-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, mehr ins politische Bewusstsein. Eine auf verborgenen Hunger – einem Mangel von Mikronährstoffen wie z.B. Eisen oder Vitamin A – zurückzuführende Herausforderung, die in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen an der Tagesordnung steht, ist Anämie (Blutarmut), die in verschiedenen Formen auftritt. Obwohl Anämie bei Kindern zu Wachstumsstörungen, eingeschränkter körperlicher und kognitiver Entwicklung sowie einem erhöhten Sterberisiko führt, erhielt sie bisher weniger Aufmerksamkeit als andere gesundheitliche Faktoren. „Um ein entsprechendes Monitoring zu etablieren, sind möglichst genaue Informationen zur zeitlichen und räumlichen Verbreitung von Anämie sowie zu den betroffenen Altersgruppen von zentraler Bedeutung“, sagt Kenneth Harttgen Mitautor der Studie von der ETH Zürich. Diese lagen bisher nur beschränkt auf einzelne Länder oder Ländergruppen vor. Eine Anfang März im Journal Communications Medicine (Nature) erschienene Publikation gibt nun eine modellbasierte Einschätzung der Verbreitung von Anämie in Subsahara-Afrika und Südasien bei Kindern zwischen 6 und 59 Monaten im Zeitraum von 2005 bis 2020. Sie ist das Resultat einer bereits seit mehreren Jahren bestehenden Zusammenarbeit zwischen den Innsbrucker Statistik-Experten Johannes Seiler, Nikolaus Umlauf und Mattias Wetscher sowie dem Entwicklungsökonomen Kenneth Harttgen von der ETH Zürich und dem Epidemiologen Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts der Universität Basel. Erstautor ist Johannes Seiler von der Universität Innsbruck, der mittlerweile an der TU München forscht und lehrt.
Komplexe und rechenintensive Verfahren
Um die Anämie-Wahrscheinlichkeit in Abhängigkeit von Faktoren wie Heimatregion und Alter einzuschätzen und Aussagen über die zeitliche Dynamik der Erkrankung zu treffen, nutzten die Wissenschaftler vom Institut für Statistik der Universität Innsbruck Bayesianische Verteilungsregressionsmodelle. Dazu wird eine Annahme über die möglichen Zusammenhänge getroffen, um diese dann durch Daten zu verbessern. Das statistische Verfahren kombiniert zwei Faktoren: „Bayesianische Modelle eignen sich besonders gut, um aus Stichprobendaten Rückschlüsse auf eine Grundgesamtheit zu ziehen. Sie sind allerdings sehr rechenintensiv“, erklärt Nikolaus Umlauf vom Institut für Statistik. „Verteilungsregression ermöglicht es, komplette probabilistische Vorhersagen zu machen und konkrete Aussagen über den Zusammenhang bestimmter Variablen zu treffen. Zum Beispiel: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind mit bestimmten Merkmalen einen bestimmten Hämoglobinwert hat“, ergänzt der Erstautor Johannes Seiler, der als Postdoc in einem durch den FWF geförderten Projekt an der Universität Innsbruck tätig war, aus dem auch die aktuelle Publikation hervorging.
Für die Berechnungen nutzten die Wissenschaftler die Ressourcen des Hochleistungsrechners LEO 4 der Universität Innsbruck. Das Modell fütterten sie mit Beobachtungsdaten aus dem Demographic and Health Surveys Programm – eine der Hauptdatenquellen für die Untersuchung von z.B. Bildung, Gesundheit und Ernährung in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen – sowie mit Klima-, Bevölkerungs-, Umwelt- und Geodaten, die zunächst möglichst effizient zusammengeführt werden mussten.
Anämie bleibt in Teilen Afrikas ein Problem
Aus der modellbasierten Schätzung zeigt sich folgendes Bild: Im Jahr 2020 waren rund 98,7 Millionen Kinder zwischen 6 und 59 Monaten in Subsahara-Afrika und 95,1 Millionen Kinder in Südasien von Anämie betroffen. Die Ergebnisse verdeutlichen u.a. auf Karten im 20-Kilometer-Raster, wie sich die Verbreitung der Krankheit zwischen 2010 und 2020 entwickelt hat – mit teilweise alarmierenden Ergebnissen, aber auch deutlichen regionalen Unterschieden innerhalb und zwischen den untersuchten Ländern: In Subsahara-Afrika sank die Prävalenz von 65,0 Prozent (2010) auf 63,4 (2020). In Südasien fiel sie von 63,1 Prozent (2010) auf 58,8 (2020).
Trotz dieser leichten Fortschritte bleibt Anämie ganz besonders in vielen Regionen Afrikas ein weit verbreitetes gesundheitliches Problem. Vor allem in Westafrika, etwa in Burkina Faso und Mali, ist der Anteil der Betroffenen zwar leicht gesunken, aber weiterhin sehr hoch. In Burkina Faso waren 2010 noch rund 87 Prozent betroffen, 2020 immerhin noch 77 Prozent; ähnliche Werte gelten auch für Mali. Dennoch gibt es auch Beispiele wie Madagaskar, wo die prognostizierte Prävalenz von Anämie im Jahr 2020 bei 47,3 Prozent liegt. Dies gibt Grund zur Hoffnung, da Madagaskar trotz hoher Raten an chronischer und akuter Mangelernährung eine vergleichsweise niedrigere Anämie-Prävalenz aufweist.
Die Modell-Berechnungen liefern darüber hinaus weitere Details, z.B. wie stark unterschiedliche Altersgruppen von milder, mittlerer oder schwerer Anämie betroffen sind oder welche geschlechtsspezifischen Unterschiede bestehen.
Die Studie trägt zur Erreichung folgender Sustainable Development Goals (SDGs) bei: SDG 2 (Zero Hunger), SDG 3 (Good Health and Well-being), SDG 10 (Reduced inequalities).
PUBLIKATION: Seiler, J., Wetscher, M., Harttgen, K. et al.: High-resolution spatial prediction of anemia risk among children aged 6 to 59 months in low- and middle-income countries. Communications Medicine 5, 57 (2025). https://doi.org/10.1038/s43856-025-00765-2