Flugangst: Ein absolut unbegründetes Phänomen!

Das Fliegen hat sich in den letzten 100 Jahren zum sichersten Transportmittel entwickelt. Dennoch leiden rund 16% der Deutschen unter Flugangst und weitere 22% fühlen sich im Flieger „nicht sonderlich wohl“. Aufgrund dieser Statistik stellt sich die Frage, welche Heuristiken und Biases der Mensch bei der Beurteilung von Risiken (am Beispiel der Flugangst) ausgesetzt ist.(Schröder, 2018)

Wintersemester 2022/23: Patrick Orehek

 

Dass das Menschenbild nicht dem Modell des Homo Oeconomicus entspricht, ist klar. Laut dem Muster müssten wir alle, vollständig rationale Entscheidungen treffen, was nicht der Realität entspricht. Besonders schwer fällt uns Menschen häufig, geringe Wahrscheinlichkeiten richtig einzuschätzen. So auch die Wahrscheinlichkeit mit dem Flugzeug abzustürzen. In einer Studie von Rosenthal (2006) wurden die Todesursachen in den USA von 2001 untersucht. Trotz, dass die Wahrscheinlichkeit durch einen Flugzeugabsturz zu sterben verschwindend gering ist, nämlich 0,1%, haben rund 38% der Menschen Angst bzw. ein mulmiges Gefühl in einem Flugzeug abzuheben und fahren lieber mit dem Auto. (Schröder, 2018) In den 12 Monaten nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 in New York gab es in den USA rund 1600 Verkehrstote mehr als im üblichen Jahresdurchschnitt vor dem Attentat. Antrieb dafür war die Angst vor weiteren Flugzeugentführungen und anschließenden Anschlägen. US – Amerikaner mieden das Fliegen und griffen stattdessen auf das Auto zurück, woran statistisch gesehen in den USA 196-mal mehr Personen sterben. (Gaissmaier & Gigerenzer, 2012)

Grund für die irrationale Beurteilung von Risiken der Menschen stellt zum einen die Verfügbarkeitsheuristik dar. Diese erklärt im eigentlichen Sinne die Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten anhand der Verfügbarkeit. Wird eine Tatsache häufig im Gehirn abgerufen oder ist eine Information äußerst bemerkenswert bleibt die im menschlichen Bewusstsein gespeichert. Durch die Medien sind wir Menschen stark der Heuristik der Verfügbarkeit ausgesetzt und bewerten Risiken häufig sehr irrational. Ein auffälliges Ereignis, dass deine Aufmerksamkeit erregt, wird leicht aus dem Gedächtnis abrufbar sein. Ein Flugzeugabsturz beispielsweise, über den die Medien berichten, wird deine Gefühle über die Sicherheit des Fliegens drastisch beeinflussen. (Schröder, 2018)

Kahneman und Tversky (1973) haben die Verfügbarkeitsheuristik anhand eines Experimentes getestet. Die Probanden wurden gefragt, wenn ein zufälliges Wort aus einem englischen Text ausgewählt wird, ob es Wahrscheinlicher ist, dass das Wort mit einem K beginnt oder das K der dritte Buchstabe ist. Das Ergebnis des Versuchs war, dass Menschen solche Fragen
beantworten, indem sie die Verfügbarkeit der beiden Faktoren vergleichen und die Häufigkeit aufgrund von der Bewertung der Verfügbarkeit beurteilen. Dadurch, dass es uns sicherlich leichter fällt, an Wörter zu denken, bei denen das K an erster und nicht an dritter Stelle steht, schätzen rund 70% der Probanden die Wahrscheinlichkeit höher ein, dass das Wort mit einem K beginnt, obwohl genau das Gegenteil der Fall ist. (Tversky & Kahneman, 1973)

Zudem stellt auch die Overconfidence bzw. die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten eine Rolle, warum wir Menschen irrationale Beurteilungen von Risiken treffen. Wenn wir uns für das Fliegen entscheiden, entscheiden wir uns im selben Moment dazu, die Kontrolle über die Situation abzugeben und einen anderen Menschen bzw. einer Maschine zu übergeben. Die Verantwortung einer Maschine bzw. einer Technologie des Autopiloten abzugeben, wenn man die Fehlerhaftigkeit der Menschen im Verhalten bedenkt, stellt eine rationale Entscheidung dar. Besonders im Hinblick auf die Zahlen im Straßenverkehr, erkennt man die Unvollkommenheit der Menschen. Rund 94% der Verkehrsunfälle in den USA sind auf menschliches Versagen und irrationale Entscheidungen zurückzuführen. (Singh, 2015)

Diese Entscheidung, die Kontrolle abzugeben fällt in den Menschen allerdings ersichtlich schwer, aufgrund dessen, dass wir unsere individuellen Fähigkeiten und Kompetenzen maßgeblich überschätzen und häufig in den Sinn kommt, dass wir besser als der Durchschnitt sind. Um diese These an Beispielen fest zu machen ist die Studie von Svenson (1980) erwähnenswert. In dieser wurde die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten der Autofahrer in den USA und in Schweden untersucht und führte zum Ergebnis, dass Menschen dazu tendieren, ihre eigenen Kompetenzen maßgeblich zu überschätzen. Rund 88% der US-Amerikaner und 77% der Schweden, waren der Ansicht, sich im Straßenverkehr sicherer und geschickter als die Durchschnittsperson anzustellen. (Svenson, 1980)

Zusammenfassend kann man festhalten, dass wir Menschen das Risiko im Flieger abzustürzen signifikant falsch einschätzen, weil vor allem die Verfügbarkeitsheuristik aber auch unsere Überschätzung der eigenen Fähigkeiten das Fehleinschätzen begünstigen. Besonders durch das Dasein der Medien in der heutigen Zeit ist die Verfügbarkeitsheuristik präsenter denn je. Ein auffälliges Ereignis, dass deine Aufmerksamkeit erregt, bleibt einfacher im Bewusstsein und ist leichter abrufbar. Deshalb wird ein Flugzeugabsturz, über den die Medien berichten, die Gefühle über die Sicherheit des Fliegens enorm beeinflussen. So kommt es dazu, dass, das Fliegen drastisch Risikobehafteter eingeschätzt wird, als andere Transportmittel, obwohl genau das Gegenteil der Fall ist und das Fliegen statistisch gesehen das sicherste Transportmittel ist. (Schröder, 2018)

 

Literaturverzeichnis
Gaissmaier, W., & Gigerenzer, G. (2012). 9/11, Act II: A Fine-Grained Analysis of Regional Variations in Traffic Fatalities in the Aftermath of the Terrorist Attacks. In W. Gaissmaier, & G. Gigerenzer, Paychological Science (S. 1449-1454). Berlin.

Rosenthal, J. S. (2006). Struck by Lightning: The Curious World of Probabilities. National Academies Press.

Schröder, R. (2018). Der Unterschied zwischen Fehlern und Versagen. Köln: Springer Medizin Verlag GmbH.

Singh, S. (2015). Critical Reasons for Crashes Investigated in the National Motor Vehicle Crash Causation Survey. Washington DC: National Highway Traffic Safety Administration.

Svenson, O. (1980). Are we all less risky and more skillful than our fellow drivers? . Stockholm: North-Holland Publishing Company.

Tversky, A., & Kahneman, D. (1973). Availability: A Heuristic for Judging Frequency and Probability. In A. Tversky, & D. Kahneman, Cognitive Psychology (S. 207-232). Jerusalem: Academic Press, Inc.

 

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